Friedensglocken – 2020

Wegen der aktuellen Krise ist es leider nicht möglich, die Pläne umzusetzen, die wir zum 75. Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges vorhatten, sprich: das in 2015  bereits auf dem Marktplatz zu Halle in wunderbarer Weise Umgesetzte nochmals Realität werden zu lassen. Wir hatten damals die Geschehnisse um die Rettung der Stadt Halle vor völliger Zerstörung nachgestellt,… dies vor großem Publikum. Leider ist dies aktuell nicht möglich. Dennoch WERDEN AM 19. APRIL die “FRIEDENSGLOCKEN VON HALLE” LÄUTEN und es soll auch auf andere Weise an das Jubiläum erinnert werden.

Zum Beispiel  mit einem Kriegstagebuch:

14. April 1945
Die Einheiten der 104. Infanterie-Division “Timberwolf” der US-Armee nähern sich von Westen her der Stadt Halle. Extra für die Einnahme der Stadt Halle war ein Kampfverband (engl.: Task Force, Abk.: TF) gebildet worden, die TF Kelleher, benannt nach ihrem Kommandeur Col. Gerald C. Kelleher. Diese Task Force bestand aus zwei Bataillonen, dem 1. und 3. Bataillon, die auch nach Ihren Kommandeuren benannt worden waren. Es waren die TF Clark und TF Rouge (Lt. Col. Robert R. Clark und Lt. Col. Leon J.D. Rouge). Diese nähern sich der Stadt Halle, um über die noch existierenden Brücken die Saale einzunehmen. Clark übernahm den südlichen Teil der Stoßrichtung, Rouge den nördlichen, was seine Einheit nach Kröllwitz führen sollte. Dort kamen sie um die Mittagszeit an. Es kam zu Feuergefechten und zeitgenössische Aufnahmen zeigen Kampfpanzer und Soldaten auf dem Kröllwitzer Berg (siehe Bild). Doch kurz bevor die amerikanischen Späher die Brücke erreicht hatten, war diese durch die deutschen Verteidiger gesprengt worden.

Was nun?

Die Amerikaner hatten bereits nähe Friedeburg im Saalkreis eine Pontonbrücke errichtet. Man beorderte die “Timberwölfe” dorthin, und in der Nacht vom 14. zum 15. April überquerten die Einheiten die Saale.

Neuer Befehl: Die Einnahme der Stadt Halle von Norden her. Das geschah dann am 15. April.

15. April 1945

Nach der in den Nachtstunden sowie am frühen Morgen des aktuellen Tages vorgenommenen Saaleüberquerung nahe Friedeburg näherten sich die US-Truppen unter Verwendung des bestehenden Straßennetzes der nördlichen Grenze der Stadt. In Trotha wurden erste Maßnahmen der Besatzung ergriffen. So sicherte man das Elektriziätswerk sowie das Gelände des Hafens, denn man befürchtete deren Zerstörung durch deutsche Truppen (Taktik der verbrannten Erde nach dem sog. “Nero Befehl” Hitlers). Die Amerikaner fanden Trotha intakt vor und konnten durch das funktionierende Telephonnetz Kontakt zu den deutschen Verteidigern aufnehmen. Hier forderte man die Kapitulation und drohte anderenfalls mit Luftangriffen und Artilleriebeschuß.

Die deutschen Verteidiger lehnten ab, doch In der Stadt selbst versuchten Mutige, das drohende Schicksal abzuwenden. So ließ eine Gruppe um Prof. Lieser Flugblätter drucken, in denen die deutsche Bevölkerung aufgefordert wurde, weiße Fahnen als Zeichen der Kapitulation zu hissen. Diesem Aufruf folgen viele, und da es zu gefährlich war, diese zur Straße hin zu hissen, wurden stattdessen weiße Tücher auf Dächern plaziert und in Innenhöfen, damit die amerikanischen Aufklärungsflugzeuge diese sehen mögen; ein Plan, der aufging.

Der Universitätsmitarbeiter Dr. Georg Braude schlug sich zu den Amerikanern durch und konnte sogar mit Col. Kelleher sprechen. Erreichen konnte Braude nichts, doch Kelleher gab ihm einen Brief an Graf Luckner mit, in dem dieser gebeten wurden, sein Gewicht in die Wagschale zu werfen. So verging der Tag, ohne daß es zu den angedrohten Lufangriffen kam.

Unter Leitung von Col. Plaisted wurden eilig Flugblätter gedruckt, auf denen die hallesche Bevölkerung unmißverständlich gewarnt wurde: “Übergabe oder Vernichtung”.

Die US Truppen bereiteten den Angriff vor. So wurden westlich der Stadt Artilleriestellungen eingerichtet.

Zwei weitere Pontonbrücken wurden in Brachwitz errichtet. Hierüber zog man weitere Kräfte in Trotha zusammen.

Pläne für den kommenden Tag und die nun bevorstehende Einnahme der Stadt Halle wurden geschmiedet.

Am folgenden Tag sollte sich das Schicksal der Stadt Halle entscheiden.

16. April 1945

Die am gestrigen Tag gemachten Pläne sahen für heute vor, den Einmarsch zu wagen in der Hoffnung, die deutsche Gegenwehr bliebe nach den gestrigen Warnungen aus. Der Norden der Stadt war von den “Timberwölfen” in zwei Hälften geteilt worden, deren Grenze die Trothaer Straße bildete. Westlich davon operierte die TF Rouge, östlich die TF Clark. Clark hatte allerdings zusätzlich den Befehl erhalten, die Stadt zu umzingeln und die nach Osten führenden Ausfallstraßen durch die Bildung von Straßesperren zu sichern; dies war eine Folge der gestrigen deutschen Weigerung, die Verteidigungshandlungen einzustellen. Somit wurde der ursprünglich von Seiten der TF Clark zu besetzende Sektor zunächst nur sekundär behandelt.

TF Rouge hingegen rückte langsam vor, wobei es zu teils heftiger Gegenwehr auf deutscher Seite kam. Die Timberwölfe rückten die Trothaer Straße, später die Seebener Straße entlang vor. Vor allem in Giebichenstein kam es zu heftigen Häuserkämpfen mit Opfern auf beiden Seiten; noch heute zeugen Einschüsse an Häusern z.B. in der Seebener Straße hiervon. Die Timberwölfe hatten zum Teil zunächst die Türen der Häuser einzutreten, um die deutschen Verteidiger zu suchen und zu bekämpfen. Die wohl heftigsten Kämpfe fanden um den und auf dem zwischen Großer Brunnenstraße und Friedenstraße befindlichen Friedhof (heute nicht mehr existent) statt.

Die Stadt Halle hätte nach den ursprünglichen – wenig Gegenwehr war erwartet worden, weshalb man viel medizinisches Personal im zuvor befreiten KZ Mittelbau Dora belassen hatte – Plänen längst in der Hände der US-Truppen sich befinden müssen. So fragte die Heeresführung in Washington nach, wie es um die Stadt bestellt sei. Als man dort hörte, daß der Vorstoß nur langsam vorankäme, befahl man die Einnahme mit allen militärischen Mitteln. Dennoch gaben die Amerikaner vor Ort die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht auf. Wie bereits erwähnt, wußte man darum, daß Graf Luckner in Halle wohnte. Diesen Tip hatten die Timberwölfe übrigsens vom für die NEWSWEEK arbeitenden Kriegsberichterstatter Al Newman bekommen, der den Grafen in den 20er Jahren in den USA getroffen hatte. Newman bot an, gemeinsam mit einem Kollegen auf die Suche nach Luckner zu gehen, damit vielleicht noch in letzter Minute das Ruder herumgerissen werden könne. Newman und sein Begleiter machten sich auf den Weg.

Gleichzeitig verstärkten sich in Halle die Bemühungen um ein friedliches Ende, was auch dadurch erreicht wurde, daß die Angreifer den Druck erhöhten. So wurde der Rote Turm beschossen und schwer beschädigt. Der Chef der deutschen Verteidiger, Gen.Lt. Radtke, hatte signalisiert, einer Fahrt Luckners zu den Amerikanern keine Steine in den Weg zu legen. Luckner selbst hatte sich bereit erklärt, über die Frontlinie zu fahren, um sich bei den Timberwölfen für eine friedliche Lösung einzusetzen. In den späten Nachmittagsstunden machte sich der Graf zusammen mit Major a.D. Karl Huhold auf den Weg.

Newman und sein Begleiter trafen “zufällig” in der heutigen Carl-Robert-Straße auf Luckner und Huhold. Glücklich über das schnelle und erfolgreiche Erfüllen ihrer Mission organisierten die beiden amerikanischen Kriegsberichterstatter den Transport der deutschen Unterhändler in den Befehlsstand der US-Truppen in Trotha, wo sie auf Col. Kelleher trafen. Mj.Gen. Terry de la Mesa Allen als Chef der Timberwölfe wurde informiert und machte sich sofort auf den Weg nach Trotha. Dort kam es zwischen 17 und 18 Uhr zu den Verhandlungen (die übrigens vom Grafen geführt wurden, denn Huhold war der englischen Sprache nur bedingt mächtig), welche letztlich die Amerikaner überzeugten, die schon beorderten Bomberverbände (750 schwere Bomber und 260 Jagdbomber hätten angegriffen) nicht zum Einsatz in Halle zu bringen. Was Luckner unter ganzem Einsatz seiner Popularität sowie unter Hinweis auf seine Art der Kriegsführung im 1. Weltkrieg gelang, war die Amerikaner von Ihrer ursprünglich erhobenen Forderung nach einer Übergabe der gesamten Stadt abzubringen. Man gab sich nach den Verhandlungen mit einem Teilrückzug zufrieden; als neue Frontlinie wurde die Lindenstraße (heute: Willy-Brandt-Straße) / Torstraße bestimmt. Die deutschen Truppen sollten sich also aus der historischen Innenstadt bis zum Morgen des 17. April zurückgezogen haben, falls die US Armee diese Bedingung als erfüllt ansehen sollte, würde auf die Bombardierung endgültig verzichtet werden. Noch in der Nacht wurde diese Bedingung durch die Deutschen erfüllt. Halle war gerettet und Graf Luckner kann damit als einer der Retter der Stadt bezeichnet werden.

17. April 1945

Viele Timberwölfe berichteten aus ihren bangen Erinnerungen, denn sie hatten die Nacht vom 16. zum 17. April in Unruhe verbracht, hatten sie doch den Befehl erhalten, sich in möglichst sicheren Unterständen oder Kellern zu verbergen, da an die niederen Ränge der Soldaten die Information durchgegeben wurde, die Innenstadt würde in der Nacht durch Bomber zerstört werden. Man erwartete Fehltreffer in den nördlichen Teilen der Stadt, wovor man die US-Truppen zu bewahren suchte. Teilweise waren sogar Einheiten aus bereits besetzten Gebieten geringfügig zurückgezogen worden.

Doch zu der erwarteten Katastrophe kam es nicht, denn die deutschen Verteidiger leisteten dem Folge, was am Abend zuvor durch Graf Luckner und Karl Huhold vermittelt worden war.

Nach dem Erwachen sammelten sich die US-Verbände und rückten langsam in die Innenstadt vor. Ein Veteran wird wie folgt zitiert: “Ich schaute aus dem Fenster des Kellers, in dem ich die Nacht verbracht hatte und merkte, daß nichts zerstört war. Im Gegenteil liefen Zivilisten umher. Ich ging nach draußen, wo sich das Bild bestätigte. Ich dachte, der Frieden sei ausgebrochen und ich hätte dies schlicht verschlafen.” In langsamem Vorrücken wurde nach und nach die gesamte historische Innenstadt von Halle besetzt, ohne daß es zu Zwischenfällen kam. Die Timberwölfe registrierten dies und verzichteten von nun an auf jeglichen Einsatz schweren Kriegsgerätes.

Halle war endgültig vor kompletter Zerstörung gerettet.

Während übrigens der Graf noch in der Nacht zusammen mit Huhold und dem halleschen Oberbürgermeister Weidemann wieder über die Frontlinie zu den Amerikanern gefahren war, wurden die Angehörigen Luckners am nächsten Tag durch US Soldaten ins amerikanische Hauptquartier gebracht, denn man rechnete mit Racheakten der deutschen Wehrwölfe; es herrschte das perfide System der Sippenhaft, was oft auch Familienangehörige von Widerstandskämpfern und anderen Gegnern der Nazis in Gefahr bracht. Vor dieser wollte man Luckners Familie schützen.

Während im Norden von Halle sowie der Innenstadt nun die Nachkriegszeit begann, bangte die Bevölkerung der Stadt südlich der neuen Frontlinie Lindenstraße (Willy-Brandt-Straße) / Torstraße, was ihnen die nächsten Stunden bringen würden.

18. April 1945

Südlich der am 16. April verhandelten neuen Frontlinie (bereits erwähnt) wurde weiter gekämpft, wenngleich nicht mit derselben Intensität wie im Norden nur zwei Tage zuvor. Die Kriegstagebücher vermelden dennoch sogar noch einen deutschen Gegenangriff, der hingegen erfolgreich zurückgeschlagen werden konnte. TF Clark war weiter damit beschäftigt, die errichteten Straßensperren zu halten bzw. die im südöstlichen Teil der Stadt geplante Sperre zu errichten. Dies war auf Grund der Kampfhandlungen nur mit erheblichen Verzögerungen möglich, so daß es großen Teilen der deutschen Verteidiger und auch deren Kommandeur Gen.Lt. Radtke gelang, aus der Stadt nach Süden zu entkommen. TF Rouge rückte in der Stadt selbst vor (im Bild zu sehen ist ein amerikanischer Soldat unter Beschuß im Böllberger Weg auf Höhe des heutigen Künstlerhauses 188).

Eine Beinah-Katastrophe gab es bei der Farbenfabrik Hartmann. Auf dem dortigen Turm hatten sich deutsche Späher verschanzt, so daß ein amerikanischer Angriff mittels Artillerie und ggf. Luftunterstützung hierauf befürchtet wurde, sollten die GI’s die Deutschen bemerken. Ein solcher Angriff hätte verheerende Folgen haben können, befanden sich im Turm und in den umliegenden Gebäuden viele Farben und Chemikalien, deren Inbrandsetzung für die Umwelt sich – gelinde gesagt – höchst nachteilig hätte auswirken können. Glückliche Umstände verhinderten schlimmeres.

In Ammendorf entdeckten die US-Truppen in einer Fabrik eine unbeschädigte Produktionsstätte von Halbkettenfahrzeugen. Die Belegschaft war dienstbeflissen vollzählig vor Ort (deutsche Disziplin halt) und ließ sich nicht lange “bitten”, die Produktion wieder aufzunehmen, bis die Vorräte an Material aufgebraucht waren. So bekamen die Soldaten der Infanterie auf einmal Fahrzeuge (man hatte den weißen amerikanischen Stern schnell draufgemalt, um nicht von den eigenen Flugzeugen angegriffen zu werden), mit denen Sie schnell das nächste Ziel erreichen konnten.

Haus um Haus, Straße um Straße, Viertel um Viertel wurden im Süden erobert und letztlich in amerikanische Hand gebracht.

In Lazaretten und Kriegsgefangenlagern wurden die US Soldaten freudig von dort festgehaltenen alliierten Kombattanten empfangen, für sie war der Krieg nun vorbei, wie es sich auch für die Stadt Halle mehr als nur andeutete, denn für unsere Stadt war dunkle Zeit fast vorüber.

19. April 1945

Am 19. April um 10.55 Uhr am Vormittag (englisch 10.55 a.m. = ante meridiem) endeten die Kampfhandlungen in Halle. So steht es in den offiziellen “after action reports” (Einsatzberichte) der US-Armee. Für die Stadt war der 2. Weltkrieg vorbei. Dieser hatte auch bei uns und insbesondere den hier lebenden Menschen Leid gebracht, denn auch hier waren Zerstörungen und Tod zu beklagen. Auf den Friedhöfen der Stadt liegen Opfer der Bombenangriffe. Ferner beklagten viele in Halle ansässige Familien Väter oder Söhne, die auf den Schlachtfeldern Europas blieben und nur noch in trauervollen Erinnerungen lebendig gehalten werden konnten.

Auch in unserer Stadt starben Menschen aus anderen Städten oder Ländern, sei es in Gefangenschaft, in Lazaretten, in Gefängnissen oder eben beim in den letzten Tagen in den Fokus gesetzten Einmarsch der US-Truppen Mitte April 1945. Im Falle Letztgenannter trauerten nun amerikanische Ehefrauen und/oder Mütter um Ihre Jungs und Männer, die nicht lebend heimkehrten.

Der Krieg hat also auch in unserer Stadt Opfer gefordert und schlimme Wunden gerissen. Jedes einzelne Opfer ist eines zuviel und mag als Mahnung dienen, daß sich solch Irrsinn (ist dies das richtige Wort? gibt es überhaupt ein richtiges Wort?) nie wiederholen möge. Wir alle sollten einen Beitrag in dieser Richtung leisten. Erinnern bedeuten also auch hier: trauern.

Gleichwohl sollte der 19. April in jedem Jahr ein Tag sein, an dem wir uns darauf besinnen, daß in Halle in den schicksalshaften Tagen vor diesem Datum ein ganzes Stück weit Vernunft siegte. Menschen handelten, kommunizierten miteinander und ließen sich von Verstand und vor allem von Emotionen, Menschlichkeit und Herz leiten. Dies passierte im 2. Weltkrieg auch anderswo, doch in Bezug auf eine deutsche Großstadt ist es wohl einzigartig. Aus diesem Grund gehört das positive Schicksal von Halle genauso in die Geschichtsbücher wie die besser bekannten Beispiele gegenteiliger Art.

Am 19. April 1945 herrschte Frieden in Halle. Aus diesem Grunde läuten seit dem Jahr 2010 ab 10.55 Uhr für 10 Minuten die Kirchenglocken als die “Friedensglocken von Halle”. Möge ihr Klang in die Welt hinausströmen und unserem Erdball ein kleines Stück Frieden bringen.

Die Förderung von Frieden ist eines der Ziele der internationalen Felix Graf von Luckner Gesellschaft.

 +++ ENDE +++

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